Podiumsdiskussion "Schreiben für ein starkes Russland?"

- Sabine Adler, Dmitri Tultschinski, Dr. Gesine Dornblüth, Alexander Sosnowski (vlnr) [©]VBJ
Zur Situation der Medien unter Putin am 28.02.2006
Dmitri Tultschinski, Leiter des Deutschland-Büros der russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti, mag die Vorwürfe allmählich nicht mehr hören. "Es gibt sehr wohl kritische Berichterstattung in Russland", verteidigt er seine Kollegen. Tultschinskis Agentur informiert über Deutschland, hat aber gleichzeitig die Aufgabe, für ein positives Image Russlands im Westen zu sorgen. Am Dienstag nahm er an der Podiumsdiskussion des Fachausschuss Europa über die Situation der russischen Medien teil. In der langjährigen Russlandkorrespondentin des DeutschlandRadio, Sabine Adler, und dem Deutschland-Korrespondenten der Wochenzeitung Moskovskie Novosti (Moscow News), Alexander Sosnowski, hatte er kompetente und engagierte Kontrahenten. Am Sonntag war in Russland erneut ein Journalist gewaltsam zu Tode gekommen, der NTW-Reporter Ilja Simin. Aktueller hätte der Anlass für die Veranstaltung, die von der Osteuropa-Expertin Gesine Dornblüth geleitet wurde, nicht sein können.
"Es gibt viele sehr gute und engagierte Journalisten in Russland", räumte Sabine Adler ein. "Aber viele Russen haben ein anderes Verständnis von Kritik. Sie wird oft als destruktiv wahrgenommen." Sabine Adler berichtete, dass sich die Recherchemöglichkeiten in den vergangenen Jahren verschlechtert hätten. Vor allem das russische Fernsehen sei immer eingeschränkter als Informationsquelle nutzbar. Alexander Sosnowski, Deutschlandkorrespondent der Wochenzeitung "Moskowskie Nowosti", wurde drastischer: "Auf 30 Kanälen gibt es das gleiche Bild, die gleichen Nachrichten und die gleiche Perspektive. Das kotzt mich an." Für ihn ist die fehlende Pluralität eine Form der Zensur.
Sabine Adler wies vor allem auf die eingeschränkten Möglichkeiten zur Berichterstattung über Tschetschenien hin. Aus Angst vor negativen Berichten gestatte die Regierung den Journalisten den Zutritt nur bei organisierten Reisen. Dabei würde versucht, ein einseitig positives Bild zu vermitteln. Der Zugang werde oft nur zu Erfolgsgeschichten des Aufbaus verschafft.
Aus Sicht von Dmitri Tultschinski ist das Bild vieler ausländischer Journalisten aber in diesem Fall ebenfalls einseitig. Er kritisierte, dass viele nur nach negativen Schlagzeilen suchten. Außerdem würden gewaltsame Übergriffe auf Journalisten und Putins Medienpolitik oft unzulässigerweise vermischt.
Grundsätzlich konnten die Teilnehmer auf dem Podium und im Publikum aber kein unterschiedliches journalistisches Selbstverständis ausmachen. Hier wie dort hängt die Qualität der Berichterstattung vom Engagement des einzelnen Journalisten ab. Der einzige Unterschied ist aus Sicht von Alexander Sosnowski, dass sich einige seiner Kollegen in Moskau bei ihrer kritischen Berichterstattung ein bisschen unsicherer fühlen als seine Kollegen hier.



