"Macht und Ohnmacht der Pressesprecher"

R. Heitzmann, P. Nicolai, H.-H. Langguth (vlnr)
links: R. Heitzmann, P. Nicolai, H.-H. Langguth (vlnr)[© M. Kohr]
rechts: Blick aus dem Publikum [© M. Kohr]

Bericht von der Podiumsdiskussion des Vereins Berliner Journalisten am 01.11.2004

 

Good News in die Zeitung und Bad News nicht stattfinden lassen - diese Erwartungshaltung von Vorständen oder Politikern ist illusorisch, da sind sich die Pressesprecher einig. "Wenn Greenpeace mit einer Schornsteinbesetzung wieder Schlagzeilen macht, kommen meine Boys und sagen: So etwas wollen wir auch. Ich muss dann klar machen, dass ein Vorstandsvorsitzender nicht auf dem Castor reiten kann." Mit diesen Worten beschreibt die langjährige Kommunikationschefin der Elektrizitätswirtschaft eine ihrer Rollen als Mittlerin zwischen Journalisten und Managern.

 

Die Pressesprecher sind Dienstleister nicht nur für ihre jeweiligen Arbeitgeber, sondern auch für die Journalisten. Sie bewegen sich zwischen der strategisch geplanten Meinungsmache und dem oft nur reaktiven Umgang mit der aktuellen medialen Aufregungswelle. Öffentlichkeitsarbeiter in Politik, Wirtschaft und Verbänden müssen mit diesen Spannungen täglich umgehen. Deshalb diskutierte der Verein Berliner Journalisten am 01. November unter dem Titel "Macht und Ohnmacht der Pressesprecher" mit Hans-Herrmann Langguth, stellvertretender Sprecher der Bundesregierung, Patricia Nicolai, Pressesprecherin des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft, Fouad Hamdan, Leiter des Kommunikationsbereiches von Greenpeace Deutschland, Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Tagesspiegel und Ewald B. Schulte, Leitender Redakteur der Berliner Zeitung.

 

Die "Betroffenen" trafen dabei auf ihre "Gegenüber" aus dem Journalismus, um ihre Erwartungen und Illusionen, aber auch um reale Zwänge und Chancen zu besprechen. An der Frage von Moderator Reinhard Heitzmann, dem stellvertretenden Vorsitzenden des gastgebenden Vereins, ob es zum Beispiel bei den jüngsten Affären um das Tempodrom oder die Berliner Bankgesellschaft für die Pressestellen eine Chance auf faire Berichterstattung gegeben habe, erhitzten sich die Gemüter. Von Drohungen gegen die schreibenden Journalisten und die Verlage, denen Anzeigen gestrichen werden sollten, berichteten die Zeitungskollegen. "Atemberaubend, wie die Unwahrheit gesagt wird", stellte Lorenz Maroldt in diesem Zusammenhang fest.

 

An diesem Abend wurde aber auch erneut deutlich, dass der wirtschaftliche Wettbewerb in der Medienbranche insgesamt die Berichterstattung zunehmend bestimmt. Journalistische Kriterien und Grundsätze rücken immer weiter in den Hintergrund, Spielregeln werden nicht immer eingehalten - übrigens auf beiden Seiten des Tisches.

 

Die Pressesprecher stellen fest, dass viele Journalisten schon ihre Geschichte im Kopf fertig haben, wenn sie anrufen. Die Folge: eine verzerrte Gewichtung der Informationen. Von einer Krise des Journalismus könne hier gesprochen werden. "Es gibt durchaus Kollegen, die sich ihre Geschichte nicht durch Tatsachen wegrecherchieren lassen", stellte Erwin B. Schulte durchaus selbstkritisch dazu fest, nicht ohne hinzuzufügen: "Dem Kollegen gehört dann aber auch gehörig vors Schienbein getreten."

 

Auf der anderen Seite warten Journalisten oft vergeblich darauf, dass ihre Fragen beantwortet werden. "Es wäre schön, den versprochenen Rückruf tatsächlich auch zu bekommen", mahnte einer von ihnen die Öffentlichkeitsarbeiter - die ihrerseits über chronische Unterbesetzung in ihren Pressestellen klagen. Ungläubiges Staunen erntete hier Fouad Hamdan, als er von 35 Mitarbeitern in der Kommunikationszentrale von Greenpeace Deutschland berichtete.

 

In den lebhaften Debatten kritisierten die Teilnehmer die wachsende Zeitnot von Journalisten wie Pressesprechern, aber auch eine wachsende Flut von nachrichtenarmen Pressemeldungen. "Immer öfter werden unsere Pressemitteilungen 1:1 übernommen, ohne bei der Gegenseite zu recherchieren oder nachzufragen", stellte Fouad Hamdan resignierend fest. Gleichzeitig treffen jedoch die sogenannten "Nullmeldungen" verstärkt auf dankbare Abnehmer. Der Konkurrenzdruck unter den Agenturen, besonders an den Wochenenden ohne tatsächliche Ereignisse, überdies von den Medien durch Eigenmeldungen selbst angeheizt, führt oftmals zu einem absurden Theater. "Die Zitierwut ist die Pest", klagten gleichlautend beide Seiten. Besonders schädlich wirke sich der unsinnige Wettlauf um die besten Plätze im Ranking der häufigsten Zitatnennungen aus.

 

Explizit warnte Patricia Nicolai darüber hinaus vor einem neuen harten Kampf in der Medienwelt. International würden immer mehr Kampagnen mit bewusst falschen Informationen und Gerüchten gefahren. Deshalb wehrt sich Hans-Hermann Langguth auch gegen den Begriff der Kampagne in Zusammenhang mit seiner Arbeit im Bundespresseamt. "Ich bin eher stinkig, wenn in Redaktionen bewusst falsche Nachrichten produziert werden, um mal wieder einen veritablen Koalitionskrach anzuzetteln", wirft er den Journalisten unverblümt vor. Gerade die NGOs betrachten die Entwicklung in den Medien deshalb mit großer Sorge. Hinzu komme die Macht der PR-Agenturen der großen Firmen, die jede Kampagne mit riesigem Aufwand zerstören würden.

 

Pleiten in der politischen Kommunikation räumte Hans-Hermann Langguth ein. Der Verlauf der Debatte um die Sozialreformen unter dem Titel Hartz IV zeige aber deutlich, wie man mit einer klaren und schnellen Krisenkommunikation bestehen könne. Für Lorenz Maroldt aber auch das klassische Beispiel dafür, wie die Presse nicht richtig funktioniert hat. "Bei Hartz IV haben wir uns lange geleistet, nur oberflächlich hinzuschauen", beklagte er.

 

Übereinstimmend konstatierten die an diesem Abend beteiligten Journalisten und Pressesprecher eine überwiegend vertrauensvolle Zusammenarbeit. Dabei ginge es eben nicht um eine Gegnerschaft sondern um eine "Kundenbeziehung", nicht um "Theater" sondern um die gegenseitige Glaubwürdigkeit. So endete der angeregte Meinungsaustausch mit einem gemeinsamen Plädoyer für weniger Aufgeregtheit und mehr Gelassenheit im Umgang von Journalisten und Sprechern untereinander.

 

[Matthias Thiel 03.11.2004]