Künftiger Grünen-MdB Omid Nouripour beim VBJ

Netzwerk "Interkulturelle Journalisten" gestartet

 

Wieder einmal zeigte sich der Verein Berliner Journalisten innovativ – am vergangenen Mittwoch lud er zum Roundtable mit dem Thema "Migranten in den Redaktionen: warum so wenige?" – auch mit dem Ziel, ein Netzwerk interessierter Kolleginnen und Kollegen zu gründen.

 

Gastreferent war Omid Nouripour, der in der kommenden Woche als Nachrücker für Joschka Fischer in den Bundestag einziehen wird. Erschienen waren 25 Journalistinnen und Journalisten – rund die Hälfte davon mit "Migrationshintergrund".

Zunächst wurde geklärt, wie diese zukünftig genannt werden sollten. Die engagierte Debatte moderierte unser Mitglied Minou Amir-Sehhi, freie Fernsehjournalistin bei der ARD. Im Ergebnis sprachen sich die Teilnehmer für die Begriffe "interkulturelles Netzwerk" und "interkulturelle Journalisten" aus.

Im Mittelpunkt stand dann die Frage, warum es so wenig interkulturelle Journalisten gibt – und was dagegen getan werden kann. Zum einen scheint es immer noch Vorbehalte bei den Programmverantwortlichen zu geben, interkulturelle Journalisten vor der Kamera in zentralen politischen Programmen zu beschäftigen. Öfter sind sie in Randbereichen wie Wetter, Buntes und Nachtprogrammen zu sehen. Und natürlich dort, wo ihnen auf Grund ihres Aussehens oder Namens besondere Kompetenz zugetraut wird: in der Berichterstattung über ihre Herkunftsregion.

Journalisten, die Schwierigkeiten haben, aus solchen "Nischen" herauszukommen und die auch andere Themen bearbeiten wollen, brauchen viel Eigeninitiative und Durchsetzungsvermögen gegenüber den verantwortlichen Redaktionen. Vorzeigejournalisten wie der "ideale Schwiegersohn" Cherno Jobatei setzen allerdings auch stark auf Imagepflege.

Erörtert wurde auch die Einführung einer Mindest-Quote für interkulturelle Journalisten im jeweiligen Medium. Kann dies zu einer größeren Akzeptanz durch Leser und Zuschauer führen? Gegebenenfalls auch speziell für Führungspositionen? Oder sind die Medien, wie einige Diskussionsteilnehmer meinten, schon dabei, ihre Minderheitenquote freiwillig anzuheben? Die privaten elektronischen Medien scheinen hier jedenfalls schon weiter zu sein als die Öffentlich-Rechtlichen.

Ähnlich kontrovers verlief die Diskussion um spezielle Fernsehprogramme für ethnische Minderheiten. Braucht es Magazine wie Cosmo TV im WDR? Beim rbb wurde ein ähnliches Pilotprojekt abgelehnt – mit der Begründung, die Probleme der interkulturellen Gesellschaften sollten besser im regulären Programm behandelt werden.

Ausgangspunkt für diese Debatte war in der ARD der Vorschlag des damaligen Bremer Bürgermeisters Henning Scherff für einen Integrationskanal.

 

Ilona Marenbach, Chefredakteurin bei radiomultikulti des rbb, äußerte sich kritisch gegenüber einer Quote bei der Anstellung von Programmmitarbeitern. Wohl aber sei eine gezielte Werbung und Förderung bei der Ausbildung nötig, um dort den Anteil interkultureller Journalisten zu erhöhen. Mehrere Diskussionsteilnehmer bestätigten, dass gerade in bildungsnahen Migrantenfamilien der Journalismus nicht unbedingt zu den angesehenen Berufen gehört. Unter "deutsch-deutschen" Abiturienten dagegen gibt immer noch ein stark überproportionaler Prozentsatz den Journalismus als Berufswunsch an.

Die Forderung, mehr interkulturelle Abiturienten zu einer journalistischen Ausbildung zu bewegen, indem ihnen spezielle Stipendien gewährt werden, blieb in der Runde eine Einzelmeinung.

 

Im zweiten Teil der Sitzung wurde die Gründung eines Netzwerkes besprochen, das möglicherweise später zu einem regulären "Fachausschuss" des Vereins Berliner Journalisten" werden könnte. Zunächst soll dieses "Interkulturelle Netzwerk" einen Erfahrungsaustausch und die Entwicklung von Forderungen für mehr Interkulturalität in den Medien ermöglichen. Auf die Themen der nächsten Veranstaltungen, zu denen wiederum Gäste geladen werden sollen, dürfen wir gespannt sein.

 

[25.08.2006]