Ein deutscher Sommernachtstraum – mit Albtraumpotenzial

von Norbert Gisder

 

Um 21 Uhr fällt der Strom aus. Die Menschen auf dem Shadervan, dem zentralen Platz der zentralkosovarischen Metropole Prizren unter der Sinan-Pascha-Moschee von 1615, der größten Kuppelmoschee auf dem Boden des ehemaligen Jugoslawien, die als zentraler Gebetsplatz der 90 Prozent kosovarischer Muslime gilt, nehmen es mit Gelassenheit. Die Wirte und die Geschäftsleute werfen ihre mit Diesel betriebenen Stromversorger an – und schon um 21.03 Uhr sind die reichhaltigen Auslagen mit exotischen Früchten, Tee und allen Lebensmitteln der täglichen Versorgung wieder beleuchtet. In den Gaststätten brennen stromsparende Funzeln von den Decken und das Summen aus den Kühlregalen zeigt, dass auch Fleisch, Getränke und Salate wieder von Außentemperaturen um 30 Grad Celsius auf werterhaltende 4 Grad herab gekühlt werden. Das Leben geht weiter – und es ist ein Leben, das den reisenden Abendländer zumindest überrascht: 81 Prozent Kosovo-Albaner, 9,6 Prozent Bosniaken und 6,4 Prozent Türken zelebrieren gemeinsam das morgenländische Ritual des Teetrinkens. Die Männergesellschaft erfreut sich – völlig untypisch für ein zu 90 Prozent muslimisches Land - der hübschen Frauen und Mädchen, die mit kurzen Röcken und Sandalen, mit Blusen und T-Shirts, die Schultern frei lassend, durch die Gassen der Altstadt um den Shadervan promenieren. Es ist ein orientalisch anmutendes, offenes und tolerantes Flair, in dem man überall in freundliche, aufgeschlossene, lachende Gesichter schaut. Die 0,09 Prozent Serben sind nicht zu sehen. Aber der Silberschmied am Platz, ein katholischer Albaner, versichert, kein Mensch würde sich den einstigen "Besitzern" des Kosovo gegenüber anders als jedem anderen verhalten, wenn sie sich unters Volk mischen wollten. Überall präsent ist die zweite Minderheit im Land: die 2,3 Prozent der Roma... weiter

 

06/2008