"Keiner will eine Großvaterzeitung"

Der Fachausschuss "Junge" diskutierte mit Gerd Nowakowski, Lokalchef des Tagesspiegel, die Chancen und Entwicklungen im Lokaljournalismus.

 

Lokaljournalismus ist auch heute noch das Feld, auf dem fast alle Nachwuchsjournalisten ihre ersten Schritte machen. Kein Wunder also, dass die Teilnehmenden der Adventsrunde des FA "Junge" am 7. Dezember die Möglichkeit nutzten, von der Erfahrung Gerd Nowakowskis, Lokalchef beim Berliner Tagesspiegel, zu profitieren.

"Die Lokalredaktion ist immer noch das Wichtigste", sagt Nowakowski. Schließlich würden die Leseranalysen immer wieder ergeben, dass die Leute am meisten das interessiert, was in ihrer Stadt passiert. Aber gerade in Berlin mit seinem hart umkämpften Zeitungsmarkt muss die Lokalberichterstattung innovativ sein, um die Leser auch zu halten. "Wir machen heute eine Zeitung der drei Geschwindigkeiten", beschreibt Nowakowski seine Arbeit. Neben dem tagesaktuellen Geschehen gebe es sehr viele Serien mit einem sehr langen Vorlauf, ähnlich wie im Magazinjournalismus. Dazu speziell beim Tagesspiegel noch "Rund ums Carrée", eine Beilage von bis zu 20 Seiten, die die Redaktion eigens für jedes Stadtviertel produziert. Genug zu tun für 35 feste Redakteure im Berlinteil und rund ein Dutzend Pauschalisten. Priorität hätten vor allem Geschichten, die für jeden Stadtteil interessant seien, denn berichtet werde querschnittsmäßig, nicht kiezbezogen. Das hat seinen Grund: "Wir wenden uns unter anderem an die eine Million Neuberliner, die seit der Wende in die Stadt gekommen und in ihrem Kiez eben nicht so verwurzelt sind."

Recherche wird wichtiger

"Keiner will eine Großvaterzeitung haben. Nachrichten allein reichen nicht mehr", erklärt Nowakowski. Meinungen und eine tiefergehende Recherche würden zunehmend wichtig. "Tageszeitungen machen Magazinen hier inzwischen harte Konkurrenz." Damit böten sich auch Chancen für Leute, die recherchieren, planen, vorbereiten "und eine Berichterstattung zum Thema machen können".

Für eine gute Lokalredaktion bedeute dies vor allem eins: "Sie ist draußen." Daher sei neben der Recherche Flexibilität für Redakteure entscheidend geworden. "Als ich Anfänger war, war das Fachredakteurswesen noch stark ausgeprägt." Hier habe ein Wandel stattgefunden, erzählt der Ressortleiter. "Heute muss man beides haben. Experten und viele Leute, die sich gern auf Neues stürzen."

Dennoch kann eine Redaktion nie alle Geschichten entdecken. Eine Möglichkeit für den Einstieg von Freien: "Eine gute Idee ist immer hochwillkommen", sagt Nowakowski. Praktika sind die andere Möglichkeit, sich zu empfehlen. Doch die Zahl der Bewerbungen sei groß, schränkt der erfahrene Journalist ein. Bei der Auswahl siege nicht unbedingt der optimierte Lebenslauf: "Das Anschreiben ist mir sehr wichtig. Es soll mir ein Gefühl dafür vermitteln, warum der Bewerber dieses Praktikum unbedingt machen will." Damit hätten auch Kandidaten mit eher untypischem Hintergrund eine Chance. Deswegen vergebe er auch lieber kurze Praktika von vier bis sechs Wochen. Wer als Nachwuchsjournalist zur Zeitung möchte, kommt auch beim Tagesspiegel um ein Volontariat nicht herum. Und wie bei allen überregionalen Blättern ist der Wettbewerb um die wenigen Plätze groß, sind die Bewerber als Journalisten meist schon recht erfolgreich.

Heißt das, nur Überflieger schaffen es? Es gebe keinen Königsweg, darauf besteht Nowakowski. Viele schlage er für ein Volontariat vor, weil er sie und ihre Arbeit bereits aus Praktika oder freier Mitarbeit kennen und schätzen gelernt habe." Letztendlich zähle aber vor allem eines: "Man muss das Selbstvertrauen haben, sich so darzustellen wie man ist."

 

Andreas Aumann 09.12.2005