Junge Journalisten im Krisengebiet

- Feuer in Cali [©: H. Gloystein]
Mit Henning Gloystein und Lars Borchert in Kolumbien
Was bewegt einen jungen Journalisten, sich aus freien Stücken in eine Krisenregion zu begeben und dabei sein Leben aufs Spiel zu setzen? Ist es der Nervenkitzel, die Abenteuerlust oder einfach nur die Hoffnung auf den großen Karrieresprung?
Henning Gloystein und Lars Borchert gaben uns beim Roundtable-Gespräch am 19. Oktober einen spannenden Einblick in ihre journalistischen Streifzüge durch Kolumbien.
Gloystein hatte schon während seines Studiums ein Praktikum dort absolviert und zahlreiche Kontakte geknüpft. Das kam ihm zugute, als er im vergangenen Jahr für sieben Monate in die Krisenregion ging, um als freier Journalist für deutsch- und englischsprachige Medien über den Bürgerkrieg zu berichten.
Gloystein bewegte sich in einem politisch und gesellschaftlich zerrütteten Land. Er berichtete von chemieverseuchten Müllbergen, auf denen viele kolumbianische Binnenflüchtlinge ihr Leben fristen und besuchte "Die Vergessenen", jene Guerilleros der ersten Generation, deren skorbutgeschwächten Leiber er mit der Kamera festhielt. Eines Nachts begleitete er in Cali, der drittgrößten kolumbianischen Stadt, eine Polizeipatrouille: "Das war total leichtsinnig von mir, mich dieser Gefahr auszusetzen und die Story konnte ich dann auch nicht verkaufen" sagt Gloystein im nachhinein. Auch die Recherchereisen in den kolumbianischen Grenzregionen waren mitunter riskant: "Ich habe immer viele Dollarscheine in der Tasche gehabt und einmal musste ich mich bei einer Kontrolle durch Guerillas mit 300 Dollar freikaufen." Aber es gab auch angenehme Überraschungen: so erwies sich Puerto Carrenño an der Grenze zu Venezuela wider Erwarten als friedliche Idylle. Am tiefsten Fluß der Welt verbachte Gloystein drei Tage Urlaub bei den Fischern und machte Bekanntschaft mit den seltenen Süßwasser-Delphinen.
In Lars Borchert fand Gloystein schließlich einen idealen Begleiter. Der hatte sich schon während seines Studiums der Regionalwissenschaften für Südamerika interessiert und später eine journalistische Ausbildung bei Reuters gemacht. Zusammen flogen sie nach Mitú, einer 5000-Seelen-Stadt im kolumbianischen Amazonasgebiet, um sich ein Bild von den dortigen Lebensverhältnissen zu machen: "Die Drogenbarone bestimmen das gesamte wirtschaftliche Leben und versuchen, die Indios zu vertreiben, um die Infrastruktur für den Rauschgifthandel zu erweitern" erklärt Borchert. Meistens wurden die beiden Journalisten in Mitú von staatlichen Militärs begleitet. Vorher hatten sie aus Sicherheitsgründen ihre Ankunft bei den Behörden angemeldet. Als "embedded journalists" fühlten sie sich aber nicht: "Wir wurden ja nicht auf Schritt und Tritt bewacht und hatten genug Gelegenheit, alleine mit den Indios zu reden, die sich durch unseren Besuch geehrt fühlten". Besonders im Amazonasgebiet erfuhren die beiden die verheerenden Auswirkungen des Drogenhandels auf die kolumbianische Gesellschaft: "Mit jedem Gramm Koks, das auch bei uns in Europa konsumiert wird, fließt das Blut der Kolumbianer." Im Zuge ihrer Recherchen über Kolumbien schafften sie es nach eigenen Angaben fast bis zum Gespräch mit dem Staatspräsidenten Uribe. Das Interview wurde schließlich per E-Mail geführt.
Nach den spannenden Erzählungen und Dias gaben Henning Gloystein und Lars Borchert zahlreiche Tipps für angehende Krisenjournalisten. Die vielleicht wichtigste Erkenntnis: wer als freier Krisenjournalist arbeiten will, der sollte es als seine Berufung ansehen, denn es ist nicht nur gefährlich, sondern auch zeit- und kostenintensiv: "Das ganze ist häufig ein Minusgeschäft und es kann schwierig sein, die Texte und Fotos in den Zeitungen unterzubringen" sagt Gloystein. Er selbst möchte jetzt erst einmal in England eine Trainee-Stelle ergattern. Aber das Traumziel Auslandskorrespondent verliert er nicht aus den Augen. Lars Borchert empfiehlt, nicht einfach so aus einer Laune heraus mit Stift, Papier und Kamera in den Dschungel zu ziehen, sondern vorher ein vernünftiges Volontariat zu absolvieren: "Nur so hat man das Rüstzeug für den tagesaktuellen Broterwerb: Wenn El Kaida zum Beispiel plötzlich Südamerika entdeckt, müssen die Beiträge am Fließband sitzen."
Außerdem ist es sinnvoll, sich militärisches Grundwissen anzueignen: "Wer die Flugbahn einer Gewehrkugel kennt, ist deutlich im Vorteil". Trotzdem kann man sich natürlich nicht 100-prozentig auf einen Einsatz im Krisengebiet vorbereiten und Stresssituationen und psychischen Belastungen perfekt vorbeugen. Aber man sollte sich bestmöglich wappnen und vor allem wissen, worauf man sich einlässt. Die krisengeprüften Jungjournalisten Gloystein und Borchert empfehlen: "Niemals alleine machen und in Kontakt zur Homebase bleiben!" Und sie wissen wohl warum.
Andreas Aumann 21.10.2005



