Das fiese Interview
Werkstattbericht vom Treffen am 04. August 2005
Ein ganz fieses Gespräch: Die Radioreporterin will ein Mitglied der Berlinale-Jury interviewen. Jene stammt aus dem Baltikum. Und die Radioreporterin ist auf der Pirsch zum Thema: Film im Baltikum. Die Interviewer davor überziehen, statt 15 bleiben fünf Minuten. Und die Filmdiva möchte nur über sich - ich bin ein Star - und London - da lebe und liebe ich - sprechen. Filme aus dem Baltikum? Kennt sie nicht, interessieren sie auch nicht. Thema gestorben.
Wie lässt sich so ein Malheur verhindern? In der knappen Zeit ist das kaum möglich. Aber ganz so arg kommt es selten. Unser Referent Matthias Thiel, Politikredakteur des DLF und DLR, rät: Gesprächspartner googeln, zu Beginn einfühlsame, gar bauchpinselnde Fragen stellen: "Was machen Sie denn in London?" - "Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen britischem und baltischem Film?" Und schon ist man doch beim Thema, über das die Diva gar nicht sprechen wollte.
Ein gutes Interview braucht einen guten Einstieg, der kann überraschend, kurios oder provozierend sein. Schlecht sind Doppelfragen oder gar Fragen mit falschen Fakten, derartige handwerkliche Fehler fliegen einem schnell um die Ohren. Wichtig: Was will ich wissen? Fragen so aufeinander aufbauen, dass das Interview eine prägnante Aussage liefert. Noch wichtiger: zuhören! Sonst passieren Patzer wie jüngst, als der Interviewer bei Angelas Merkels Brutto-Netto-Verwirrung nicht nachhakte.
Bei Print-Interviews gibt es die (Un)Sitte der Autorisierung, vor allem Pressestellen verunstalten zuweilen Interviews so sehr, dass sie mit dem eigentlichen Gespräch nichts mehr gemein haben. "Kein Gesetz und kein Presse-Kodex schreibt die Autorisierung eines Interviews vor", sagt Thiel. Die FTD und taz lassen Interviews prinzipiell nicht nachbearbeiten, allmählich geht der Trend weg von der Autorisierung, die etwa im angelsächsischen Raum völlig unbekannt ist.
Sonja Beckmann 08.08.2005



