"Am Anfang steht die Entscheidung"

- Referentin A. Rogalla mit M. Stegherr, Vorsitzende FA 'Junge' (vlnr.) [© VBJ]

- Blick ins Plenum [© VBJ]
Roundtable "Zwischen Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit" am 02.03.2006
Kann ein Wechsel vom Journalismus in die Öffentlichkeitsarbeit gelingen? Ist es von Vorteil, sich das journalistische Handwerk anzueignen, und anschließend einen Blick auf brisante Themen von der anderen Seite des Schreibtisches zu werfen? Der Fachausschuss "Junge" stellte diese Fragen unserem Mitglied Annette Rogalla, Pressesprecherin und Leiterin Kommunikation der Deutschen Apothekerverbände (ABDA). Ihre Meinung: "PR kann man lernen, aber das Wichtigste habe ich aus dem Journalismus."
Ein Journalist, der es ernst mit seinem Beruf meint, geht nicht in die PR. Diesem Vorurteil musste sich auch Annette Rogalla stellen, als sie aus ihrer langjährigen Tätigkeit bei der Berliner taz auf einen Pressesprecherposten wechselte. Und doch ist sie mit ihrer Entscheidung zufrieden. Rückblickend sei es aber für sie wichtig, vor ihrem Eintritt in die PR erst einmal lange Zeit als Journalistin gearbeitet zu haben.
Nicht mit dem Wunsch, Pressesprecherin zu werden, sei sie auf die Welt gekommen. Nein, sie wollte bereits mit zwölf Journalistin werden. Bevor sich ihr Traum einer solchen Karriere erfüllte, lernte sie auch auf Wunsch ihrer Eltern etwas "Solides" und wurde beim Bundesgesundheitsamt in der Abteilung für Arzneimittelzulassung verbeamtet. Ein Werdegang, den sie mit 22 Jahren beendete, um in die journalistische Arbeit beim SFB zu wechseln. Dem Rundfunk blieb Annette Rogalla viele Jahre treu, bis sie sich für eine Anstellung bei der taz entschied. Das Angebot eines Headhunters brachte die Berlinerin schließlich in die Öffentlichkeitsarbeit.
Wie sich das journalistische Grundverständnis von Objektivität und ausgewogener Recherche mit der Aufgabe als Interessensvermittlerin verträgt, darüber diskutierte die PR-Fachfrau mit dem Fachausschuss "Junge". Und unsere Mitglieder zeigten sich sehr kritisch. Auf die Frage, nach welchen Prinzipien sie in ihrer Praxis arbeite, stellte sie klar: "Nur mit denen, die mir auch als Journalistin wichtig gewesen sind." Was für sie heißt: An Interviewfragen, die auf ihrem Schreibtisch landen, werde nichts geändert. Ebenso gebe sie keine frisierten Zahlen an die Öffentlichkeit. Sie selbst sieht sich nicht unbedingt in einer Vermittlungsposition, obwohl es oft darauf hinauslaufe. Vielmehr sucht sie für ihre Organisation den Kontakt zur Öffentlichkeit, vermittelt Kontakte und sorgt dafür, dass über Fakten ihre Themen in die Öffentlichkeit gelangten.
Inwieweit einem Pressesprecher journalistische Grundkenntnisse weiterhelfen, hängt dagegen viel vom Einsatzgebiet ab. Wer sich für die politische Pressearbeit interessiere, müsse sein Umfeld kennen. "Das geht oft nur über die Medien. Man muss die Medien kennen, um mit ihnen zu arbeiten", sagt Rogalla. Dass Pressesprecher gerade in der heutigen Zeit Macht besitzen, machte auch Dieter Zurstraßen, Vorsitzender unseres Fachausschusses Presse- und Öffentlichkeitsarbeit deutlich. "In den meisten Redaktionen wird an Stellen gespart. Die Leute sind an ihre Tastaturen gefesselt und können kaum noch raus, um selbst Interviews zu führen." Eine Lücke, die ein journalistisch geschulter Pressesprecher geschickt für sich nutzen kann indem journalistisch solide und fertige Texte geliefert werden. So könne PR geschickt die eigenen Themen in den Medien platzieren. "Allerdings", so betonte Dieter Zurstraßen, "müsse das Verhältnis partnerschaftlich sein."
Partnerschaftlich ja - aber bei der heiklen Frage von Geschenken und Einladungen von PR-Leuten an Journalisten gingen die Meinungen im Plenum auseinander. Während einige selbst die Einladung zu einem Tagesseminar als Bestechung werten, gibt es für andere nicht so klare Grenzen. Wenn es sich um durchorganisierte Recherchereisen zu für Journalisten sonst schwer zugänglichen Orten handele, könne eine Zusage durchaus Sinn machen, meint FA "Junge"-Vorsitzende Mirjam Stegherr. Grundsätzlich, machte Annette Rogalla klar, müsse Jeder für sich entscheiden, was und wohin er will. "Aber wer den Journalismus und das Schreiben liebt, sollte einen großen Bogen um die PR machen." Das Verfassen eigener Beiträge und die eigentliche journalistische Arbeit bleibe bei der PR-Arbeit auf der Strecke.
Kathrin Hamann 06.03.2006



